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Von «Computer sind ätzend» zur Webdesignerin – 25 Jahre Selbstständigkeit

26. September 2026

Eine Comicfigur sitzt auf einem Stuhl in der Hand ein grosses Buch auf dem 25 Jahre steht. Im Hintergrund sieht man Fotos eines Hundes, uraltem PC, eine Kamera.

Am 1. September 2026 bin ich seit 25 Jahren selbstständig. Hätte mir 1987 jemand gesagt, dass ich einmal Webdesignerin werde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Denn damals, in einem meiner letzten Schuljahre, bekamen wir unsere ersten Computer. Der Lehrer, der uns das beibringen sollte, war völlig überfordert. Schon beim Einschalten ging alles schief. Text erfassen? Irgendwas eintippen? Das war einfach nur frustrierend. Für mich stand fest: Computer sind ätzend. Mit denen wollte ich nie etwas zu tun haben.

Dass sich das änderte, hatte ich dem Hundesport zu verdanken. Ich war als Übungsleiterin aktiv, und als ein Kollege beruflich in die USA zog, übernahm ich seine Aufgaben. Wir mussten uns regelmässig austauschen – natürlich per E-Mail. Und plötzlich wurde der Computer zum Fenster in eine neue Welt. Ich besuchte online Border-Collie-Züchter in England, schaute mir ihre Welpen an, bestellte Zubehör in den USA. Das war einfach unglaublich. Da spürte ich zum ersten Mal, was für Möglichkeiten mir diese digitale Welt bot.

Alles auf eine Karte – aber mit Plan

Im Jahr 2000 rief eine alte Freundin an. Sie wollte Webdesignerin werden und sagte schliesslich diesen einen Satz: „Das wäre doch auch was für dich.” Ich war zögerlich. Dieser Schritt bedeutete, für einige Zeit in Deutschland zur Schule zu gehen und meinen sicheren Job als Agenturleiterin bei der EGK (Eidgenössische Gesundheitskasse) aufzugeben.

Mein erster Gedanke galt meiner Hündin Joy. Ich wollte sie auf keinen Fall allein lassen oder weggeben. Also klärte ich als allererstes ab: Darf mein Hund mit? Die Webmaster Academy in Zweibrücken antwortete überraschend herzlich: „Kein Problem. Wenn alle einverstanden sind, darf Joy sogar mit in den Unterricht.”

Das war die erste, wichtigste Hürde. Aber ich brauchte mehr Sicherheit, bevor ich meinen gut bezahlten Job kündigte. Also sicherte ich mir zuerst einen Praktikumsplatz für danach. Erst als ich diese Zusage hatte, wagte ich den Schritt. Meine Freundin war allerdings schon vorher abgesprungen. Ich zog das Ganze also allein durch – nur Joy und ich.

Allein unter IT-Profis

An der Webmaster Academy war ich die einzige Frau in der Klasse. Um mich herum sassen Männer, die schon jahrelang an Computern schraubten und HTML im Schlaf beherrschten. Wenn die Dozenten loslegten, verstand ich am Anfang oft nur Bahnhof. Während die anderen nach dem Unterricht ausgingen, sass ich da und versuchte, die Logik hinter HTML zu begreifen.

Es gab Abende, an denen ich mich fragte: War das die richtige Entscheidung? Warum tue ich mir das an? Aber langsam begannen die Dinge, Sinn zu ergeben.

Als ich das Zertifikat in den Händen hielt, wusste ich: Ich habe es geschafft.

Rein in die Praxis

Nach der Ausbildung startete ich mein Praktikum in einer Internetagentur. Nach wenigen Monaten ging die Agentur in Konkurs. Aber zum Glück hatte ich mir schon vorher einen grossen Auftrag gesichert: die allererste Website der EGK, direkt in drei Sprachen. Aus diesem Grund wurde ich am 1. September 2001 offiziell selbstständig.

Die EGK-Website war mein erstes grosses Projekt und ich arbeitete lange daran. Die Website wurde gut und blieb viele Jahre online. Durch diesen Erfolg kamen weitere Aufträge über eine Marketingagentur, die mit der EGK zusammenarbeitete. So entstanden Websites für die Stiftung für Naturheilkunde, die Therapeutenstelle und die Gesundheitstage.

Der goldene Käfig

Was dann kam, war die vielleicht schönste Zeit meines Arbeitslebens. Über die Marketingagentur der EGK hatte ich ein fixes monatliches Einkommen, regelmässige Aufträge und musste mir keinerlei Sorgen machen, woher der nächste Kunde kommt.

Auch wenn ich offiziell selbstständig war, habe ich mich nicht so verhalten – weil es schlicht nicht nötig war. Weder habe ich mich um Marketing gekümmert noch um Positionierung oder den Aufbau eines Netzwerks. Es lief ja auch so.

Tief im Innern wusste ich, dass diese Abhängigkeit riskant war. Aber solange alles funktionierte, war die Bequemlichkeit stärker als der Wille, etwas zu verändern.

Die Veränderung kam dann von aussen. Bei meiner Auftraggeberin verschob sich etwas, die Marketingagentur bekam weniger Aufträge – und weil ich so stark von ihr abhängig war, bekam ich das unmittelbar zu spüren. Ich hatte keinerlei Kontrolle darüber.

Erst da bin ich wirklich wach geworden. Ich begann zu bloggen, meldete mich beim NEFU (Netzwerk für Einfrau-Unternehmerinnen) an und ging bewusster an Events. Gleichzeitig entstand eine Idee: ein Netzwerk rund ums Thema Pferde.

Die teuerste Lektion meiner Selbstständigkeit

Durch das Pferdenetzwerk wurde eine Frau auf mich aufmerksam. Sie hatte eine ähnliche Idee und im Gegensatz zu mir auch ein Event-Tool, das man für so eine Plattform nutzen konnte. Ob wir uns nicht zusammentun wollen? Sie erzählte mir, wie wichtig ihr ein menschliches Miteinander sei. Sie komme aus einem Haifischbecken und wolle nie wieder so arbeiten. Und obwohl mein Bauchgefühl nein sagte, liess ich mich darauf ein.

Was folgte, waren Hunderte von Arbeitsstunden, die ich in diese gemeinsame Plattform steckte. Und viel Geld, das ich investierte. Und alle Kontakte, die ich über mein Pferdenetzwerk aufgebaut hatte, brachte ich ebenfalls mit ein. Ich lernte dabei auch viel und begegnete Menschen, die ich sonst nie kennengelernt hätte. Die Plattform nahm Form an und ich war stolz auf das, was wir aufgebaut hatten.

Und dann, als das Ganze praktisch fertig war, wurde ich von einem Tag auf den anderen rausgeworfen. Von der Frau, die nie wieder Haifischbecken wollte. Sie hat vermutlich bis heute nicht gemerkt, dass sie sich genauso verhalten hat.

Ich stand unter Schock. Ich hatte nicht nur Geld und Arbeitszeit verloren, sondern auch viele Kontakte aus der Pferdebranche, die ich über Jahre aufgebaut hatte. Das hat mindestens genauso weh getan.

Ich wollte kämpfen, klagen, irgendwas tun – und dann sagte mein Vater einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Lass los, dann hast du wieder beide Hände frei für etwas Neues.” Er hatte mich vorher schon gewarnt, und ich hatte nicht auf ihn gehört. Jetzt hatte er wieder recht. Es fiel mir unglaublich schwer, seinem Rat zu folgen, aber ich tat es. Ich liess los. Und lernte dabei eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens: Bei Projekten mit anderen die Dinge schriftlich festhalten.

2016 – Neustart bei null

Ab 2016 war ich wirklich selbstständig – und startete praktisch bei null. Beruflich fiel vieles weg. Privat wurde es gleichzeitig richtig schwer. Meine Lieblingskatze wurde von einem Tellermäher erfasst und getötet. Eins meiner Ponys war so krank, dass ich ernsthaft überlegt habe, es einschläfern zu lassen.

In dieser Zeit begann ich, Dinge zu tun, die mir vorher schwer fielen. Ich mochte es nie, fotografiert zu werden, und Videos aufzunehmen war komplettes Neuland. Trotzdem stellte ich mich vor die Kamera und nahm meine ersten Videos auf. Ich ging an Netzwerkveranstaltungen, obwohl ich mich dort nicht gerade wohl fühlte. Ich probierte vieles aus.

Und ich hatte drei Websites gleichzeitig – Webdesign, Tierfotografie, Backoffice. Dazu Logos, Flyer, Blogartikel für eine Kundin (Kosmetik!) und habe sogar eine Steuererklärung für eine Kundin gemacht (ich habe ja den Fachausweis als Buchhalterin). Meine Logik: Je mehr ich anbiete, desto mehr Kunden finde ich. So eine Art Supermarkt – für alles etwas da, für jeden etwas dabei.

An einem Netzwerktreffen der NEFU hörte ich zum ersten Mal den Begriff «spitze Positionierung». Ich hatte keine Ahnung, dass es so etwas gibt. Und als ich anfing, mich damit zu beschäftigen, verstand ich langsam: Es geht nicht darum, möglichst viel anzubieten. Sondern darum, für etwas Bestimmtes zu stehen. Weniger Supermarkt, mehr Boutique.

Fokussierung

Mir wurde klar, dass ich Websites für Einzelunternehmerinnen anbieten will. Daneben bildete ich mich intensiv weiter in angrenzenden Themen – E-Mail-Marketing, Facebook Ads, Contenterstellung, aber auch technische Themen. Ich besuchte Kurse, Workshops, Webinare, buchte eine Membership, erstellte meinen eigenen Online-Kurs. Ich habe in diesen Jahren unfassbar viel gelernt. Nicht nur fachlich, sondern auch darüber, wie ich arbeiten will und wie nicht. Dass ich meinen eigenen Weg finden muss, statt Methoden von anderen zu kopieren. Und dass Fokus das Wichtigste ist.

Dann kam Corona. An meinem Arbeitsalltag änderte sich wenig – ich arbeitete schon immer von zu Hause. Aber viele meiner Kundinnen traf es hart. Wer nicht schon online arbeitete, stand plötzlich vor grossen Problemen. Es hat aber auch einiges in Bewegung gebracht. Plötzlich wussten die Leute, was eine Videokonferenz ist.

KI – und ein Kreis, der sich schliesst

2023 hat mir eine Kollegin von ChatGPT vorgeschwärmt. Mein erster Gedanke: Muss das jetzt auch noch sein? Schon wieder ein neues Thema. KI, meine Texte von jemand anderem schreiben lassen? Das bin doch dann nicht mehr ich. Aber weil ich nun mal ein neugieriger Mensch bin, habe ich es ausprobiert. Und war begeistert.

Natürlich bin ich auch schnell auf die Grenzen gestossen. Man muss der KI sehr genau sagen, was man braucht und was man will, um ein sinnvolles Ergebnis zu bekommen. Und dann ist da die Frage: Wohin gehen meine Daten? Was wissen diese Systeme über mich? Das ist mir bis heute unheimlich. Deshalb beschäftige ich mich auch stark damit, eine eigene KI auf meinem PC laufen zu lassen – langfristig mein Ziel, damit die Daten meinen Rechner gar nicht mehr verlassen.

Und natürlich hat mich die Frage beschäftigt: Was passiert mit meinem Beruf, wenn bald alle ihre Website mit KI erstellen? Dieses Thema trieb mich vor allem in den letzten Monaten um, seit die ersten KI-Websites erschienen sind. Mir ist klar, mein Beruf wird sich stark verändern. Aber überflüssig wird er nicht. Denn die KI übernimmt vor allem die Technik. Sie kann deine Website nicht deinen persönlichen Stempel aufdrücken.

Auch die KI-Suche hat vieles verändert. Wir alle haben weniger Klicks auf unseren Websites. Es gibt Leute, die behaupten, in ein paar Jahren gibt es gar keine richtigen Websites mehr für Menschen, nur noch für Maschinen. Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Zumindest nicht in den nächsten zehn Jahren. Aber eins ist klar: Die KI wird bleiben.

Mittlerweile hat sie meine Arbeit stark verändert. Ich nutze sie, um Konzepte zu erstellen, um Dinge zu diskutieren und zu hinterfragen. Manchmal bekomme ich eine Perspektive, auf die ich allein nicht gekommen wäre. Oder ich merke, dass ich falsch liege. Genial ist die Arbeit mit der KI, wenn es darum geht, grosse Datenmengen zu verstehen. Zum Beispiel habe ich meine YouTube-Statistiken der letzten zehn Jahre reingeworfen und eine Konkurrenzanalyse gemacht. Daraus habe ich eine Strategie für meinen Kanal entwickelt. Und gerade habe ich ein “Second Brain” damit angelegt. Das ist genial, aber es gibt auch noch etliche Stolpersteine.

Hat sich das alles gelohnt? Die Auf und Abs, die Krisen? Ja, auf jeden Fall.

Ich geniesse es, dass ich mir meinen Tag selbst einteilen kann. Dass ich morgens früh arbeiten und im Winter mit dem Hund gehen kann, wenn es hell ist. Dass ich im Sommer mal einen Nachmittag im Garten arbeiten kann und dafür abends bis zehn am PC sitze. Dass ich zu Hause bin und meine Tiere um mich habe. Dass ich tolle Kundinnen habe. Das ist unschätzbar.

Und jetzt schliesst sich ein Kreis. Vor 25 Jahren habe ich HTML gelernt, von Hand Websites geschrieben. Dann kamen die grossen Systeme, die Datenbanken, die aufgeblähten Seiten. Und jetzt geht es wieder in eine Richtung, wo Websites schlanker werden. Wo man einer KI sagt, was man möchte, und sie schreibt den Code. Mein Grundwissen – HTML, CSS, ein bisschen PHP – das brauche ich plötzlich wieder. Und es wird noch wichtiger zu wissen, was man will, wie man seine Persönlichkeit auf der Website zeigt. Genau dahin wird sich meine Arbeit entwickeln.

Ich finde es unglaublich spannend und freue mich auf die nächsten Jahre.

Was denkst du? Ich freu mich auf deinen Kommentar. Vielen Dank für deine Unterstützung. 😘

Claudia Barfuss

Seit 25 Jahren begleite ich als Designerin mit Herz und einem Blick für kreative Lösungen Frauen dabei, ihre Website so zu gestalten, dass sie sich rundum stimmig anfühlt.

In meinen Blogartikeln teile ich erprobte Tipps aus meinem Arbeitsalltag – für alle, die ihre Website klar und strukturiert aufbauen und dabei einen Auftritt schaffen möchten, der sich wirklich nach ihnen anfühlt.

Porträtfoto von Claudia Barfuss, Webdesignerin für selbstständige Frauen sitzend, mit einem silbernen Tablet in der Hand